Softwareprojekt agil oder klassisch? Warum die Methode selten das Problem ist
Wenn ein Softwareprojekt nicht läuft wie geplant, fällt der Blick oft auf die Methode. War der agile Ansatz falsch? Hätte ein klassisches Vorgehen besser gepasst? Diese Frage beschäftigt Projektverantwortliche, IT-Leiter und Geschäftsführer – besonders wenn Budget und Zeit knapp werden.
Die Debatte agil oder klassisch beim Softwareprojekt ist verständlich. Beide Ansätze versprechen Struktur und Erfolg. Beide haben Befürworter, die überzeugende Argumente liefern. Und doch zeigt die Praxis: Projekte scheitern selten an der gewählten Methode. Sie scheitern an dem, was vor der Methodenwahl hätte passieren müssen.
Warum die Methodenfrage so viel Raum einnimmt
Die Frage nach der richtigen Methode wirkt greifbar. Agil oder klassisch – das klingt nach einer Entscheidung, die man treffen kann. Nach einem Hebel, an dem sich drehen lässt. Das macht sie attraktiv, besonders wenn ein Projekt bereits ins Stocken geraten ist.
Hinzu kommt: Methoden sind sichtbar. Sie haben Namen, Zertifizierungen, Bücher, Konferenzen. Scrum-Master, Wasserfall-Phasen, Sprint-Reviews – all das lässt sich benennen, schulen, einführen. Was sich weniger gut benennen lässt, sind die Grundlagen, die jedem Projekt vorausgehen sollten: klare Ziele, definierte Anforderungen, ein gemeinsames Verständnis davon, was am Ende stehen soll.
Die Methodendiskussion füllt oft eine Lücke. Wo Klarheit fehlt, bietet die Methode zumindest einen Rahmen. Das Problem: Ein Rahmen ohne Inhalt bleibt leer. Und ein leerer Rahmen führt selten zum Ziel.
Typische Missverständnisse bei agilen Softwareprojekten
Agile Methoden sind in vielen Unternehmen zum Standard geworden. Das hat gute Gründe – aber auch problematische Nebenwirkungen. Denn mit der Verbreitung kamen Erwartungen, die der Ansatz nicht einlösen kann.
Missverständnis 1: Agil bedeutet, ohne Plan starten zu können.
Das Gegenteil ist der Fall. Agile Methoden setzen voraus, dass Ziele klar sind – auch wenn der Weg dorthin flexibel bleibt. Wer ohne definiertes Ziel startet, wird auch mit Sprints und Retrospektiven nicht ankommen.
Missverständnis 2: Agil erspart die Anforderungsklärung.
Anforderungen verschwinden nicht, nur weil sie nicht vorab dokumentiert werden. Sie tauchen später auf – als Änderungswünsche, als Konflikte, als Nacharbeit. Der Unterschied ist nur, wann und wie sie geklärt werden. Ohne jede Vorarbeit wird Agilität zur Dauerbaustelle.
Missverständnis 3: Agil ist immer schneller.
Geschwindigkeit entsteht nicht durch die Methode, sondern durch Klarheit. Wer weiß, was gebaut werden soll, arbeitet zügiger – unabhängig vom Vorgehen. Wer es nicht weiß, produziert Iterationen ohne Fortschritt.
Diese Missverständnisse erklären, warum agile Softwareprojekte Probleme bekommen, obwohl alle Beteiligten die Methode korrekt anwenden. Die Methode ist nicht das Problem. Sie kann nur nicht lösen, was vor ihr hätte gelöst werden müssen.
Was klassische Ansätze auch nicht retten
Klassische Methoden – oft vereinfachend als Wasserfall bezeichnet – setzen auf Planbarkeit. Anforderungen werden vorab definiert, Phasen sequenziell durchlaufen, Ergebnisse am Ende geliefert. Das klingt nach Kontrolle. Aber auch hier entstehen Probleme, wenn die Grundlagen fehlen.
Wer Anforderungen dokumentiert, die nicht durchdacht sind, erhält ein Lastenheft voller Lücken. Wer Phasen plant, ohne die Abhängigkeiten zu verstehen, plant an der Realität vorbei. Klassische Methoden scheitern nicht, weil sie zu starr sind. Sie scheitern, wenn die Starrheit auf Sand gebaut ist.
Die Methode – ob agil oder klassisch – ist ein Werkzeug. Sie kann nicht ersetzen, was vor ihrem Einsatz hätte entstehen müssen: ein klares Bild davon, was die Software leisten soll, für wen, und unter welchen Bedingungen.
Was wirklich entscheidet: Klarheit vor Methodik
Die Frage, ob ein Softwareprojekt agil oder klassisch durchgeführt werden sollte, ist nachgelagert. Die eigentliche Frage lautet: Wissen alle Beteiligten, was gebaut werden soll?
Diese Klarheit umfasst mehrere Ebenen:
Zielklarheit: Was soll die Software erreichen? Welches Problem löst sie? Für wen? Ohne Antworten auf diese Fragen bleibt jede Methode orientierungslos.
Anforderungsklarheit: Welche Funktionen sind notwendig? Welche sind wünschenswert? Welche lassen sich verschieben? Priorisierung setzt voraus, dass Anforderungen bekannt und verstanden sind.
Entscheidungsklarheit: Wer entscheidet im Projektverlauf? Wie werden Änderungen bewertet? Wie werden Konflikte gelöst? Ohne definierte Entscheidungswege entstehen Blockaden – in jedem Vorgehensmodell.
Ressourcenklarheit: Welches Budget steht zur Verfügung? Welche internen Kapazitäten? Welche Zeitrahmen sind realistisch? Methoden können Ressourcen nicht ersetzen. Sie können nur helfen, sie sinnvoll einzusetzen.
Wenn diese Grundlagen fehlen, wird die Methodenwahl zur Scheindebatte. Dann diskutieren Teams über Sprintlängen, während unklar ist, was am Ende des Projekts stehen soll.
Wann agil funktioniert – und wann nicht
Agile Methoden haben ihren Platz. Sie eignen sich besonders, wenn:
- Anforderungen sich während des Projekts entwickeln sollen, weil Nutzer eingebunden werden oder Märkte sich verändern
- schnelles Feedback wichtiger ist als vollständige Planung
- das Ziel klar ist, aber der Weg dorthin Flexibilität erfordert
- das Team erfahren genug ist, um mit Unsicherheit produktiv umzugehen
Agile Methoden eignen sich weniger, wenn:
- regulatorische Anforderungen eine vollständige Vorabdokumentation verlangen
- Budget und Umfang fix vereinbart werden müssen, bevor das Projekt startet
- das Team oder der Auftraggeber keine Erfahrung mit iterativen Prozessen hat
- Änderungen im Projektverlauf vertraglich problematisch sind
Diese Liste ist keine Bewertung. Sie zeigt nur: Die Methode muss zum Kontext passen. Und den Kontext muss jemand kennen, bevor die Methode gewählt wird.
Was Sie vor der Methodenwahl klären sollten
Bevor die Frage agil oder klassisch beantwortet werden kann, sollten andere Fragen geklärt sein:
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Was soll die Software leisten? Nicht als Feature-Liste, sondern als Beschreibung des Nutzens. Welches Problem wird gelöst? Welcher Prozess wird unterstützt?
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Wie stabil sind die Anforderungen? Werden sich Funktionen im Projektverlauf ändern? Ist mit neuen Erkenntnissen zu rechnen? Oder steht der Umfang weitgehend fest?
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Wer entscheidet? Gibt es einen klaren Ansprechpartner, der Prioritäten setzen kann? Oder müssen Entscheidungen durch Gremien laufen?
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Welche Erfahrung bringt das Team mit? Haben interne und externe Beteiligte bereits mit der angedachten Methode gearbeitet? Welche Lernkurve ist realistisch?
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Wie sieht der vertragliche Rahmen aus? Sind Festpreise notwendig? Sind agile Vertragsmodelle bekannt und akzeptiert?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich sinnvoll über Methoden sprechen. Die Methodenwahl wird dann zur logischen Konsequenz – nicht zur Glaubensfrage.
Entscheidungsgrundlage statt Methodendebatte
Die Diskussion agil versus klassisch wird oft geführt, weil sie greifbarer wirkt als die eigentliche Arbeit: Anforderungen verstehen, Ziele definieren, Entscheidungswege klären. Diese Arbeit ist weniger sichtbar, aber sie entscheidet über den Projekterfolg.
Ein dokumentiertes Softwarekonzept – unabhängig von der späteren Methode – schafft die Grundlage für beide Wege. Es beschreibt, was gebaut werden soll, warum, und unter welchen Bedingungen. Mit diesem Fundament wird die Methodenwahl zur fachlichen Entscheidung. Ohne dieses Fundament bleibt sie ein Ratespiel.
Fazit
Die Frage, ob ein Softwareprojekt agil oder klassisch durchgeführt werden sollte, ist berechtigt. Aber sie ist nicht die erste Frage, die beantwortet werden muss. Methoden scheitern nicht. Fehlende Entscheidungsgrundlagen schon.
Wer vor Projektstart klärt, was gebaut werden soll, für wen und unter welchen Bedingungen, kann die Methodenwahl fundiert treffen. Wer diese Klärung überspringt, wird auch mit der besten Methode Schwierigkeiten haben.
Die Methode ist ein Werkzeug. Die Entscheidungsgrundlage ist das Fundament.
Häufig gestellte Fragen
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